Jean-Luc Nancy – Listening
Wenn man dieses Buch in der Hand hält, fragt man sich, was die Titelillustration mit dem Thema Hören zu tun hat. Man sieht eine barocke Venus sich auf einem Bett räkeln, während ein Junge ihr etwas ins Ohr flüstert. Auf der linken Seite lehnt sich ein junger Mann über seine Schulter und lauscht dem Gespräch. Gut, aber wo ist der Bezug zu diesem Buch? Man erfährt darüber erst mehr, wenn man sich durch den längsten und namenstiftenden ersten Essay des Buches gekämpft hat und eine Coda verrät, dass das Gemälde von Titian sich weiter auf der linken Seite ausdehnt und zeigt, dass der junge Mann eine Orgel spielt und offensichtlich die Aufmerksamkeit der jungen Dame auf sich ziehen will. In ähnlicher Weise vernebelt dieses Buch seine Aussage durch aufgeblasene Satzkonstruktionen und exzessive etymologische Wortspielereien, die vielleicht in der französischen Sprache einen Sinn ergeben mögen, in der englischen Übersetzung aber manieriert und gekünstelt wirken. Ein Beispiel, zu welchen Satzmonstern das führen kann:
“Listening must be examined - itself auscultated - at the keenest or tightest point of its tension and its penetration. The ear is stretched [tendue] by or according to meaning - perhaps one should say that its tension is meaning already, or made of meaning, from the sounds and cries that signal danger or sex to the animal, onward to analytical listening, which is, after all, nothing but listening taking shape or function as being inclined toward affect and not just toward concept (which does not have to do with understanding [entendre]), as it can always play (or “analyze”), even in a conversation, in a classroom or a courtroom.” (die in Klammern gesetzten französischen Wörter wurden von der englischen Übersetzerin hinzugefügt, um die verschiedenen Bedeutungsebenen der Wörter zu verdeutlichen.)
Nancy’s wohl bekannteste Veröffentlichung ist „Corpus“, in dem die Dualität von Körper und Seele verhandelt wird. Dieses poststrukturalistische Denken in der Nachfolge von Derrida scheint auf das Thema des Hörens projiziert werden zu sollen. Für Nancy ist der menschliche Körper ein Resonanzraum (wie der Bauch der oben erwähnten Venus), der auf Musik und Klänge nicht nur durch unsere Aufmerksamkeit sondern auch durch innere Vibrationen reagiert. Diese Resonanz lässt den Zuhörer eine dringliche Präsenz verspüren, die andere Kunstformen nicht hervorzurufen mögen. In Nancy’s Worten:
“Music is the art of the hope for resonance: a sense that does not make sense except because of its resounding in itself. It calls to itself and recalls itself, reminding itself and by itself, each time, of the birth of music, that is to say, the opening of a world in resonance, a world taken away from the arrangements of objects and subjects, brought back to its own amplitude and making sense or else having its truth only in the affirmation that modulates this amplitude.”
Es mag einige schöne Ideen in seinem Text geben (sie mögen auf Französisch sogar schön ‚klingen’), aber Nancy umgeht einfach viele Aspekte des Hörens, die unabdingbar für ein tieferes Verständnis sind, man denke nur an die Tatsache, dass das Hören ein dynamischer Prozess des Lernens ist und kulturellen Prägungen unterliegt. Verglichen mit anderen akademischen, aber weitaus zugänglicheren Werken wie beispielsweise Casey O’Callaghan’s “Sounds” oder Alfred S. Bregman’s “Auditory Scene Analysis” hinterlässt dieses kleine Buch eine Wolke selbstverliebter und verschraubter Wortspielereien, während die letzteren den Leser mit fruchtbaren Einsichten über die Wahrnehmung und die Natur von Klang belohnen.