Vladimir Jankélévitch - Irgendwo im Unvollendeten
„In der Tat ist die Musik ihrerseits eine Art Stille, weil sie den Geräuschen Stille auferlegt und zuallererst dem unerträglichen Geräusch schlechthin der Wörter. (...) Die Musik ist die Stille der Wörter, wie die Poesie die Stille der Prosa ist, sie macht die drückende Schwere des Logos leichter und verhindert, dass der Mensch sich nicht mit dem Akt des Sprechens identifiziert. Der Dirigent wartet, um seinen Musikern das Signal zu geben, dass das Publikum schweigt, denn die Stille ist der Menschen ist wie ein Sakrament, das die Musik braucht, um die Stimme zu erheben.“
Dieses Zitat stammt von Vladimir Jankélévitch aus dem Band „Irgendwo im Unvollendeten“. Es beruht auf einem Gespräch mit Béatrice Berlowitz, das auf Tonband aufgenommen, transkribiert und anschließend editiert wurde, wodurch der Text sich mehr wie ein inspirierendes philosophisches Gespräch liest und einen schönen Zugang zum Gedankengebäude dieses französischen Philosophen bereitet. Das es überhaupt möglich ist, Jankélévitch in deutscher Sprache kennenzulernen, war bis vor kurzem nicht möglich, weil er der deutschen Kultur nach der NS-Zeit den Rücken zukehrte und anordnete, dass seine Werke nie ins Deutsche übersetzt werden sollen. Er bekämpfte die Nazis in der Résistance und machte die deutsche Kultur nicht nur dafür verantwortlich, den Faschismus nicht verhindert zu haben, er sah sie gar teilweise verantwortlich für den Siegeszug des Nationalsozialismus. Viel Aufmerksamkeit erlangte er 20 Jahre nach Kriegsende, als in Frankreich über die Verjährung von Kollaborationsverbrechen debattiert wurde. Er schrieb den Essay „Le Pardon“, der die politische Öffentlichkeit dahingehend beeinflusste, dass ein geplantes Gesetzesvorhaben scheiterte. Trotzdem blieb Jankélévitch zu Lebzeiten im Schatten der Existenzialisten und Poststrukturalisten, die den philosophischen Diskurs in Frankreich dominierten. Das mag sich nun langsam ändern und nach seinem Tod 1985 scheint auch sein Verbot deutscher Übersetzungen nicht mehr in seiner Ausschließlichkeit gültig, so dass auch die deutsche Öffentlichkeit eine Chance erhält, diesen bemerkenswerten Denker näher kennenzulernen.
Jankélévitch ist vor allem durch seine musiktheoretischen Schriften bekannt geworden. Er ist tief in der französischen Romantik und dem Impressionismus verwurzelt, in einem Maße, dass er in „Irgendwo im Unvollendeten“ Fragen zu moderner Musik völlig ausweicht. Er scheint ganz und gar versunken im Studium von Klavierpartituren, die er sich gerne in Paris bei seinem Lieblingsstraßenhändler besorgte und daheim in seinem Klaviersalon aneignete. Trotz seiner vordergründig konservativen Einstellung sind viele seiner Gedanken weitaus anregender als die grauen und freudlosen Einlassungen einiger moderner Musiktheoretiker. Jankélévitch besitzt eine tiefe Sensibilität für Zusammenhänge und sein Denken ist scharfsinnig und erhellend. Viele seiner Gedanken in „Irgendwo im Unvollendeten“ gehen auf sein Buch „Music and the Ineffable“ zurück, dass ein großartiges Schlusskapitel über Musik und Stille enthält.
Schließlich zwei Zitate aus dem vorliegenden Band, die sich auf den Zusammenhang von Sprache und Musik beziehen und die Grenzen sprachlichen Ausdrucks abstecken: „Es gibt nicht genug Tasten auf der Tastatur der Sprache, um die unendlich vielen Nuancen des Denkens und der Leidenschaft auszudrücken. Daher entsteht die Verpflichtung, in der wir uns befinden, jenseits der Wörter zu sprechen, um sie herum einen Nebelschleier, eine Dämmerzone, ein Halo schweben zu lassen, in dem der Widersinn gärt und die Mächte des Begehrens delirieren.“ Und dann bezüglich der ‚Logik’ von Musik und der Unmöglichkeit, über Musik sprechen zu können: „die Musik ist ein Machen im Reinzustand, da sie sich der Töne bedient, die keine Bedeutung in sich haben und die also ewig neu und verfügbar bleiben. Daher ist sie dazu gemacht, dass man sie spielt, nicht, dass man über sie spricht!“