Steven Mithen – The Singing Neanderthals
„Das grundsätzliche Problem bei der Beschäftigung mit der Frage nach dem Ursprung von Sprache ist, um es salopp zu sagen: Sprache hinterlässt kaum Fossilien.“ Edmund Blair Bolles
In dem Buch „The Singing Neanderthals“ fasst Steven Mithen, Professor für Archäologie an der englischen University in Reading, seine Sicht auf die Koevolution von Sprache und Musik in der Entwicklung des Menschen zusammen. Gestützt durch viele Belege aus benachbarten Forschungsbereichen wie Anthropologie, Psychologie, Neuro- und Musikwissenschaften entwirft er die These, dass Musik nicht nur ein Nebenprodukt von Sprache wäre ohne evolutionären Nutzen, wie es beispielsweise Steven Pinker behauptet. Vielmehr stellt er die Hypothese einer Proto-Musiksprache auf, die sich durch die Eigenschaften holistisch (nicht aus kombinierbaren Einzeleinheiten bestehend), manipulativ (die emotionalen Zustand seiner selbst und anderer beeinflussend), multi-modal (das gleichzeitige Verwenden von Klang- und Körperzeichen), musikalisch (rhythmische und melodische Kontrolle) und mimetisch (der Gebrauch von Klangsymbolismus und Gestik) zusammensetzt – eine Art „Musisprech“, das er abgekürzt aus den genannten kommunikativen Eigenschaften ‚Hmmmm’ nennt. Diese ganzheitlichen Lautäußerungen, jedes mit seiner eigenen Bedeutung aber ohne bedeutungstragende Untereinheiten (Wörter und Silben) wurden benutzt, um andere Individuen zu manipulieren, durch Kommandos, Drohungen, Begrüßungen und Forderungen. Diese Lautäußerungen wären genauso musik- wie sprachähnlich gewesen. Nach dieser Theorie hätte sich „die moderne Sprache erst entwickelt, als die holistischen Lautäußerungen ‚segmentiert’ worden wären, um Wörter zu erhalten, die dann wiederum neu kombiniert werden konnten zur Erzeugung von Äußerungen mit eigener Bedeutung.“
Ich stelle Mithen’s Hypothese durch ein paar Zitate aus seinem Buch vor, die ich hier übersetzt habe:
„Musik und Sprache sind universelle Eigenschaften der menschlichen Gesellschaft. Sie sind hierarchische, kombinatorische Systeme, die expressive Phrasierungen erlauben und auf Regeln zurückgreifen, die durch Rekursion eine unendliche Anzahl von Ausdrücken aus einer begrenzten Anzahl von Einzelelementen erzeugt. Beide Kommunikations-Systeme beinhalten Gestik und Körpersprache. Sie verlangen vom menschlichen Gehirn, von einem ‚domänenspezifischen’ zu einem ‚kognitiv flüssigen’ Denken überzugehen, das dem homo sapiens alleine zugeschrieben wird. Kognitive Flüssigkeit bezieht sich auf die Kombination von Kenntnissen und einem Denkvermögen, das sich aus verschiedenen mentalen Modulen speist, was zum Gebrauch von Metaphern und kreativer Vorstellung führt.“
Mithen betont die herausragende Rolle, die der aufrechte Gang auf die evolutionäre Entwicklung des Menschen hatte:
Die multi-modalen sowie die musikalischen Aspekte der Lautäußerungen von ‚Hmmmm’ wurden durch die Evolution hin zum aufrechten Gang verstärkt. Der aufrechte Gang erforderte die Evolution von mentalen Mechanismen zur rhythmischen Koordination von verschiedenen Muskelgruppen. Als unsere Vorfahren sich zu aufrecht gehenden Menschen entwickelten, wuchsen auch die ihnen innewohnenden musikalischen Fähigkeiten: sie bekamen den Rhythmus. Das neue Maß an motorischer Kontrolle, die Unabhängigkeit des Torso und der Arme von den Beinen und innere unbewußte Fähigkeiten zur Zeiteinschätzung haben alle dramatisch das Potential für Gestik und Körpersprache erhöht und damit das bereits existierende Potential zu ganzheitlicher Kommunikation erweitert. Dieses würde auch zu den lautlichen Äußerungen wertvolle Mittel zum Ausdruck und zur Beeinflussung von Emotionen hinzugefügt haben.“
„Der aufrechte Gang erfordert eine relativ schmale Hüfte und übt daher eine starke Einschränkung auf die Weite des Geburtskanals aus. Um durch die enge Hüfte des aufrecht gehenden Menschen geboren zu werden, mussten die Kinder effektiv als Frühgeborene zur Welt gebracht werden, die für die ersten 18 Monate ihres Lebens schutz- und hilflos blieben. Dieses erzeugte selektiven Druck auf die Entwicklung von stimmlicher und gesturaler Mutter-Kind-Interaktion, die sicherlich von musikalischer Qualität gewesen sein wird.“
„Musizieren hatte beträchtliche Überlebensvorteile als ein Mittel zur Kommunikation von Gefühlen, Absichten und Informationen und damit gleichzeitig zur Stärkung von Kooperation, was bedeutet: dem Teilen von Informationen und Ressourcen, der Teamarbeit während der Jagd, das gegenseitige Kümmern um das Wohlbefinden, dem Werben um das andere Geschlecht und das Festigen von Paarbindungen. In allen bekannten Gesellschaften ist das Musizieren meistens, wenn nicht gar immer, eine Gruppenaktivität.“
Danach erläutert Mithen, wie der Übergang von einem ganzheitlichen Kommunikations-System zu einer referentiellen Sprache sich vollzogen haben könnte:
„Alison Wray benutzte den Begriff ‚Segmentierung’, um den Prozess zu beschreiben, mit dem Menschen eine holistische Phrase in einzelne Elemente aufteilten, von denen jedes seine eigene referentielle Bedeutung hatte und schließlich mit Elementen von anderen Äußerungen neu kombiniert werden konnte, um eine unendliche Anzahl neuer Äußerungen zu erzeugen. Dieses ist das Aufkommen von Kompositionalität, jener Eigenschaft, die Sprache so viel effektiver macht als jedes andere Kommunikations-System.“
„Simon Kirby von der Edinburgh University ist einer von vielen Linguisten, die mit Hilfe von Computer-Simulationen die Evolution von Sprache erforschen. Er war in der Lage zu simulieren, wie Kinder eine Sprache erlernen, einfach indem sie ihren Eltern, Geschwistern und anderen Sprechenden zuhören. In seinen Simulationen bekam jeder Sprach-Agent eine Zufalls-Sprache, die tatsächlich einer ganzheitlichen Sprache entspricht, und die, während die Simulation läuft, von Lern-Agenten aufgenommen werden, die diese Äußerungen wiederum in ihr Repertoire aufnehmen, wodurch diese eine eigene Sprache lernen. Weil sie immer nur einige Beispiele von Äußerungen eines einzelnen Sprach-Agenten hören, wird ihre Sprache nicht der anderen ähneln. Nach vielen Durchläufen dieser Simulationen fand Kirby, dass einige Teile des Sprachsystems sich stabilisierten und von einer Generation zur nächsten weitergegeben wurden. Ein Lern-Agent leitet irrtümlicherweise eine Form von nicht-zufälligem Verhalten eines Sprach-Agent ab, was auf eine rekursive Assoziation zwischen einer Symbolreihe und einer Bedeutung hinweist, um dann diese Assoziation in die eigenen Äußerungen einzubeziehen. Kirby bezeichnet diesen Prozess ‚Generalisierung’. Andere Lern-Agenten werden die gleichen Assoziationen erwerben, so dass sie sich in der Population ausbreiten und schließlich das ganze Sprachsystem stabilisieren und eine kompositorische Sprache erzeugen. Mit seiner Arbeit stellt Kirby Noam Chomsky’s Konzept der ‚universellen Grammatik’ in Frage, das davon ausgeht, dass Kinder mit angeborenen Sprachfähigkeiten zur Welt kommen. Kirby zeigt dagegen, dass der Prozess des Lernens selber zum Aufkommen grammatischer Strukturen führen kann.“
„Der Übergang von einem vorwiegend holistischen Kommunikations-System zu einer kompositorischen Sprache muss aller Wahrscheinlichkeit nach einige zehntausend Jahre gedauert haben. Einige Gemeinschaften mögen weiterhin mit dem ‚Hmmmm’-System fortgefahren haben; einige Individuen mögen als fortgeschrittene Sprach-Benutzer gestorben sein, bevor ihre Kenntnisse weitergegeben werden konnten.
Aber schließlich entwickelte sich kompositorische Sprache aus ‚Hmmmm’ und veränderte das Wesen menschlicher Gedanken und brachte unsere Spezies auf einen Weg, der uns zu globaler Kolonialisierung sowie dem Ende der Jäger-und-Sammler-Kultur führte, die angedauert hatte, seit Homo auf der Erde erschien vor 2 Millionen Jahren.“
Durch die kürzlichen spektakulären Funde von menschlichen Fossilien, die auf den Namen „Ardi“ getauft wurden (nach Ardipithecus ramidus), ist die letzte Aussage wohl obsolet geworden, es wird geschätzt, das Ardi 4.4 Millionen Jahre alt ist und das die evolutionäre Linie des Homo wohl viel weiter zurück reicht als bisher angenommen. Aber Mithen räumt ein, dass neue archäologische Funde ständig die Wissenschaften zwingen, die Geschichte der Menschheit umzuschreiben. Fossilien erzählen nicht viel über die Sprache und Musik unserer Vorfahren, daher muss alles Nachdenken über die Ursprünge von Sprache und Musik spekulativ bleiben, was auch einer der wenigen Schwachpunkte von Mithen’s Buch ist: der Text ist voller „könnte“, „wäre“, „würde“, und einige Schlussfolgerungen erscheinen etwas weit hergeholt. Ich glaube auch, dass dem Buch einige ethnomusikalischen Hintergründe zu einer weniger westlichen Sichtweise auf die Musik verholfen hätten, aber zweifellos ist dieses Buch ein hervorragender Einstieg in das spannende Thema der Evolution von Sprache und Musik, in der noch viele akademische Kontroversen um die Deutungshoheit ausgefochten werden.