Bernhard Günter – un peu de neige salie
“Music stands out from silence and has need of silence in the same way that life has need of death, and thought (…) has need of nonbeing. As something similar to a work of art, life is an animated, limited construction that stands out against lethal infinity; and music, as something similar to life - as a melodious construction, magic duration, an ephemeral adventure, and brief encounter - is isolated, between beginning and end, in the immensity of nonbeing.” Vladimir Jankélévitch in “Music and the Ineffable”.
Ein flüchtiges Abenteuer ist auch die bereits 1993 veröffentlichte CD „ un peu de neige salie“ des deutschen Komponisten Bernhard Günter, und darüber hinaus noch mehr. Ein Abgrund der Stille und Leere tut sich hier vor dem Hörer auf, sofern er gewillt ist, sich dieser Erfahrung leisester Töne auszusetzen. Noch heute, 15 Jahre nach seiner ersten Veröffentlichung, erscheint die Sound-Ästhetik dieser CD frisch und hochmodern, eine Qualität, die selten erreicht wird in den wechselnden Moden der experimentellen Musik. Die Click-Geräusche und Sinuswellen-Pinselstriche erinnern an konzeptuelle Arbeiten von Ryoji Ikeda und anderen und hat dem Album einen Rang als Referenzarbeit eingehandelt (nach ‚Wire’ eine der 100 Aufnahmen, die die Welt veränderten). Bernhard Günter sagte in einem interessanten Interview mit dem Paris Transatlantic Magazine auf die Frage, ob quiet music nicht einfach nur die andere Seite von noise music sei, dass „plakative quiet music keine Dynamik hat ebensowenig wie noise music, und beides interessiert mich nicht. Meine Music ist nicht die ganze Zeit leise. Es geht nicht um Lautheit oder Stille, es geht um Dynamik.“ Günter führt sein eigenes Label trente oiseaux, auf dem die meisten seiner Arbeiten gefunden werden können. Er hat hier auch „Warszawa Restaurant“ von Francisco Lopez veröffentlicht (ein weitere Erfahrung der Stille...) und andere Künstler wie Marc Behrens, Daniel Menche und Steve Roden. Auf seiner MySpace-Seite kann man sich auch neuere Tracks anhören, die Günter gemeinsam mit Gary Smith eingespielt hat und die eher melodiöseren Wegen folgt.
Jankélévitch schreibt an einer anderen Stelle von „Music and the Ineffable“: „Stille blüht durch die Leere, die den endlosen Lärm unterbricht.“ Dieser endlose Lärm kann der Strom an Geräuschen sein, die unseren Alltag bestimmen, der unser gesamtes Leben andauert und alles begleitet, was wir erleben, er füllt unsere Ohren von dem Tag unserer Geburt an bis zum Augenblick unseres Todes.“ Und eine Musik wie dieses flüchtige Abenteuer könnte die unterbrechende Leere sein.