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Januar 2009: Field Notes
Zweite Ausgabe des Online Magazins Field Notes von Gruenrekorder mit meinem Essay "Listening is Making Sense"
19. März 2010: Fragmente einer Sprache der Liebe
Hörspielbearbeitung von Roland Barthes' "Fragmente einer Sprache der Liebe" auf WDR3 um 23:05 Uhr.
18. Juni 2010: Chronostasis und Tagesringe
Deutschlandradio Kultur spielt Chronostasis und Tagesringe.
Gruenrekorder kündigt CD-Veröffentlichung von Fire und Frost Pattern für Juni 2010 an
Das deutsche Label Gruenrekorder wird dieses Jahr meine Zwillingsstücke fire und frost pattern auf CD veröffentlichen. Beide Stücke erhielten den Phonurgia Nova Preis 2008.

Akustisches Treibgut

Klassik geht Clubben



Gerade komme ich von einem schönen Konzertabend mit zeitgenössischer Musik im Rahmen des C3-Festivals im berüchtigten Berliner Berghain. Es scheint einen „Trend“ zu geben hin zu einem intensiveren Austausch zwischen klassisch ausgebildeten Musikern und Komponisten sowie elektronischer Clubmusik, die hierbei entstehende Musik wird schon mit Begriffen wie „neo-klassisch“ etwas hilflos beschrieben. Mein Freund Me Raabenstein hat gerade eine Kompilation solcher Projekte unter dem Namen „XVI Reflections on Classical Music“ bei Universal Classics herausgebracht, die schon 2001 die „Yellow Lounge“ Serie starteten, in der sie Stars der Klassik-Szene und bekannte DJs zusammenbrachten. Ich erinnere mich an ein Konzert im Berliner Weekend im 12. Stock eines Hochhauses am Alexanderplatz mit Daniel Hope and der Violine und Sebastian Knauer am Klavier: das Publikum hatte sprichwörtlich keine Distanz zu den Musikern, man saß am Rand der Bühne oder fast gar unter dem Flügel, als aus den hinteren Reihen jemand in der leisen Einleitung eines klassischen Stückes nach vorne rief: „lauter!“. Beide Musiker brachen ihren Vortrag ab und erwiederten außerordentlich höflich und geduldig, dass ihnen der Notentext vorschriebe, diese Passage pianissimo zu spielen, aber sie würden es jetzt einfach noch mal ein wenig lauter spielen, damit auch das Publikum hinten etwas mitbekommen würde. Ich war gleichzeitig erstaunt über die Ignoranz einiger Leute im Publikum und beeindruckt vom Großmut und der Gelassenheit der beiden Künstler. Die Enge und die ungünstige Akustik im Club schien auf das Spiel der Musiker eine Spannung und Präsenz zu legen, die dieses Konzert unvergesslich und sehr bewegend machte und in keinem Vergleich zu dem oftmals routiniert abgespulten klassischen Konzertbetrieb stand.

Ich muss an einen Artikel denken, den Alex Ross vor einiger Zeit für den New Yorker verfasste unter dem Titel „Why so serious?“. Darin beschreibt er die „Sakralisierung“ der klassischen Musik im Laufe des 19ten Jahrhunderts, als das Bürgertum langsam die Kontrolle über das musikalische Leben von der Aristokratie übernahm, die für ihre Respektlosigkeit und ihren Hochmut gegenüber den Künstlern bekannt war. Das Bürgertum wollte teilhaben an der sozialen und kulturellen Elite und konnte dies durch den Besuch klassischer Konzerte unter Beweiß stellen. Im Gegensatz zur Aristokratie lebte das Bürgertum allerdings in der beständigen Angst vor dem sozialen Abstieg, und daher wurde der Konzertbesuch zu einem weihevollen Ereignis erhoben, in dem nicht mehr zu reden oder zu applaudieren war während der musikalischen Vorträge. In der Mitte des letzten Jahrhunderts war das klassische Konzert schließlich in einem Ritual der Verehrung verstorbener Komponisten erstarrt, während einige Avantgarde-Komponisten zwar die musikalischen Regeln von Grund auf erneuerten, aber an den althergebrachten Aufführungspraxen festhielten, denn auch sie wollten am Ende die Anerkennung des jetzt dominierenden Bürgertums für sich erreichen. Es ist zu einem gehörigen Maße ein Verdienst des Minimalismus, dass „ernste“ Musik wieder einen zugänglicheren und offeneren Charakter bekam. Zuerst fanden Konzerte an alternativen Orten wie Galerien oder Lofts statt, bevor die Minimal Music dann die bürgerlichen Konzertsäle eroberte und die Wahrnehmung der Zuhörerschaft von komplexer und experimenteller Musik nachhaltig änderte. Daher ist es keine Überraschung, dass viele Künstler aus dem jetzt verstärkt wahrgenommenen neo-klassischen Bereich sich in irgendeiner Weise auf die Minimal Music und damit vor allem auf Steve Reich beziehen. (Dass der Begriff Minimal Music musikwisschenschaftlich problematisch ist, spare ich an dieser Stelle aus, es wäre treffender, von repetitiver oder gradueller Musik zu sprechen, aber die Begrifflichkeiten haben sich eingebürgert und daher sollen sie weiter benutzt werden.)

Heute steht die bürgerliche Kultur selbst unter dem Druck der Populärkultur und der Konsumgesellschaft, das Publikum klassischer Konzert bleibt aus und ist überaltert, nicht umsonst wird von einer Krise der klassischen Musik gesprochen. Eine Antwort auf diese Situation ist die Öffnung hin zu einem jüngeren, hippen Publikum, die klassische Musik soll dahin gebracht werden, wo die jungen Menschen ihre Musik zelebrieren, in den angesagten Clubs der Metropolen. Man mag dahinter eine wohlkalkulierte Marketing-Strategie zum Ankurbeln der Tonträger-Verkäufe sehen, aber wenn das Resultat darin besteht, dass klassische Musiker neue Wege gehen, um kanonische Stücke einem neugierigen aber uneingeweihten Publikum näher zu bringen, sind diese Strategien willkommen. Die Yellow Lounge Serie ist so ein Versuch, wie auch die Wordless Music Series in New York und in gewisser Weise auch die Carnegie Hall Commissions, die junge aufstrebende Komponisten einer größeren Zuhörerschar zuführt. Das C3-Festival ist also in diesem Kontext ein weiteres Unterfangen, den Crossover von zeitgenössischer Musik und Clubkultur zu fördern, und zumindest für diese Nacht ist das hervorragend gelungen. Das Elysian Quartett ist ein junges Streichquartett aus Großbritannien, das sich ausschließlich modernem Repertoire widmet und in ihrer großartigen Darbietung lyrische Romantizismen und kratzige Geräuschstrukturen mit ironischen Untertönen aufs Beste in Einklang bringen konnte. Danach übernahm Joby Burgess unter dem Projektnamen „Powerplant“ die Bühne und interpretierte u. a. mit seinem Xylosynth Steve Reich’s Electric Counterpoint. Zum Abschluss des Konzertes spielte er gemeinsam mit dem Eysian Quartett poetische und gleichfalls tanzbare Versionen von Kraftwerk-Klassikern wie Radioaktivität oder Das Model. Es war sprichwörtlich spürbar, dass exzellente Musiker mit großer Offenheit und dem Willen zum Experiment am Werke waren (hier ein Remix von Hot Chip's "One Pure Thought", der von zwei Mitgliedern des Elysian Quartetts produziert wurde).

Aber ist das alles so neu? Bang On A Can wurde 1987 von den amerikanischen Komponisten Julia Wolfe, Michael Gordon und David Lang gegründet und seitdem wurden unter diesem Gruppennamen zahllose Konzerte mit einer ganz ähnlichen Geisteshaltung organisiert. Ich muss als ein neueres Beispiel an So Percussion denken, einem Ensemble von 4 Percussionisten, die komplexe und herausfordernde Stücke von Steve Reich bis Matmos spielen und dabei so zeitgemäß modern klingen wie ihre DJ-Kollegen (mehr zu lesen hier und zu hören hier). Oder Alarm Will Sound, ein 20-köpfiges Kammerorchester, das durch akustische Arrangements von Aphex-Twin-Tracks Aufmerksamkeit erregte, erschienen auf der hervorragenden CD „Acoustica“. Oder Sylvain Chauveaux, der Hits von Depeche Mode in „klassischer“ Besetzung einspielte. Kann man von diesen Komponisten und Musikern noch sprechen als Teil eines Genres, das einmal Postminimalismus oder Totalismus genannt wurde? Oder ist es nicht viel eher ein Ausdruck einer neuen Freiheit, einer postmodernen Haltung der Offenheit und Doppeldeutigkeit? Der letzte Gedanke scheint mir vielleicht am ehesten zuzutreffen, wenn man an Eigenschaften denkt, die dem musikalischen Postmodernismus zugesprochen wurden: Ein Sinn für Ironie, die Ablehnung von elitären und populistischen Haltungen und der Einteilung in Hoch- und Populärkultur, die Berücksichtigung des sozialen und politischen Kontext, die Einvernahme von Eklektizismus und Widersprüchlichkeiten, Mißtrauen gegen totalitäre Formen, die Annahme von Technologie als Teil des musikalischen Prozesses und vor allem: Bedeutung wird vor allem in Richtung auf den Hörer und weg von der Partitur und dem Komponisten geschoben (diese Ideen folgen den Gedanken, die Jonathan Kramer in dem Buch „Postmodern Music/Postmodern Thought" unter dem Titel "16 characteristics of postmodern music" ausdrückte). Diese Haltung ist eine Antwort auf eine immer komplexer und unübersichtlicher werdenden Welt. Und es ist interessant zu bemerken, dass die meisten Vertreter dieser Haltung aus der anglo-amerikanischen Hemisphäre kommen, während in Deutschland eine öffentlich subventionierte Avantegarde-Kultur ihren eigenen Institutionalismus etabliert hat, der an vielen Stellen eben jenes frische und unkonventionelle Denken verhindert.


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