Phonemonon
Autorenproduktion
Ursendung: 13. 3. 2009 auf WDR 3
Länge: 14:40 min.
Sängerin: Almut Kühne
Sprecher: Gunter Schoß
Phoneme sind die Grundbausteine menschlicher Sprache, sie stellen die kleinste Einheit an Sprachlauten dar, durch die Bedeutungsunterschiede erzeugt werden. Jede Sprache besitzt ein festes Inventar an Phonemen, die mit Hilfe der Lautschrift notiert werden und im Internationalen Phonetischen Alphabet (IPA) systematisch erfasst sind. Dieses Notationssystem bildet die Grundlage für die Klangkomposition phonemenon, in der ein großer Teil der über 100 Phoneme des IPA erklingen.
Phoneme sind nicht mit einem konkreten Sprachlaut (einem Phon) identisch, sie stellen eher eine abstrakte Einheit, einen idealisierten Laut dar, der erst im Akt des Sprechens realisiert wird. Daher werden Phoneme auch dem übergeordneten Sprachsystem (langue) zugeordnet, während die konkrete Äußerung der Phone in der Rede (parole) stattfindet. Diese Beziehung zwischen konkretem Phon und abstraktem Phonem macht sich die Komposition phonemenon zu eigen: die abstrakte Ebene wird durch die wissenschaftlichen Bezeichnungen der Phoneme repräsentiert, die von einem männlichen Sprecher vorgetragen werden. Eine Sängerin überführt diese abstrakten Begriffe in konkrete Klänge und interpretiert sie auf ihre eigene Weise.
Die Spielregel für dieses Stück bestand darin, in der Art eines akustischen Phonologie-Kurses zu jedem Phonem ein Klangbeispiel einzusprechen, das dann im Lauf der Komposition weiter benutzt und variiert werden darf. Phonemenon beginnt mit den Kardinalvokalen A und U. Die folgenden Konsonanten können teilweise nur mit Hilfe eines Vokals realisiert werden, hier sollten ausschließlich bereits eingeführte Vokale verwendet werden. Alsbald wird klar, dass die Sängerin es nicht beim Einsprechen der Klangbeispiele belässt, sondern die Phoneme zum Spielball ihrer musikalischen Interpretation macht. Durch die Wiederholung einzelner Phonem-Klänge bilden sich rhythmische Strukturen und harmonische Verläufe heraus. Diese sind zu gleichen Teilen aus freien Improvisationen der Sängerin mit den Phonemen sowie vorher komponierten Passagen entstanden, die dann wiederum in weiteren Arbeitsschritten miteinander kombiniert wurden. Ein augenzwinkerndes Wechselspiel entsteht zwischen der technischen Terminologie der Phonologie und dem expressiven Umgang der Sängerin mit den Sprachlauten. Die Grenzen zwischen Sprache und Musik werden verwischt und die Frage nach deren gemeinsamen Ursprung neu gestellt.
Literatur:
• Aniruddh D. Patel: Music, Language, and the Brain, Oxford University Press, 2008
• Elmar Ternes: Einführung in die Phonologie, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1999